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Zum ersten Album von SubTerra: Buscand o Buscanda del sol

 

SubTerra ist eine Band, die in der Tradition der Musik von Inti Illimani, Victor Jara und Quilapayun steht.

Die Musiker sind seit vielen Jahren in Giessen zuhause, und die Lieder auf ihrer ersten CD wecken mehr als nur nostalgische Erinnerungen an die Zeit der Chile-Solidarität ab dem Putsch 1973. SubTerra geben mit ihrer Musik, dem chilenischen politischen Lied und der chilenischen Folklore vielmehr ein zeitgemäßes und ansprechendes neues Gesicht.

Mehrere Titel auf dem Album sind von Inti Illimani, und einer der Standardsongs des internationalen Solidaritätsliedes – auch heute noch von vielen Gruppen gesungen und weltweit bekannt – „Hasta siempre comandante“ von Carlos Puebla Pueblo, ist auch dabei (eine wunderschöne, ruhig-nachdenkliche Interpretation im Rumba-Stil).

Bereits beim ersten Lied ist unüberhörbar, daß SubTerra professionell ihren eigenen Stil für die Interpretationen von Inti Illimani-Songs entwickelt. Insofern ist das Album zusätzlich zu den populären Vertretern des chilenischen politischen Liedes wie Inti Illimani und Quilapayun eine wichtige Ergänzung und Bereicherung.

Im Jahr 1989 wurde SubTerra in der Bergarbeiterstadt Lebu in Chile als Band des Betriebsrates der Bergbaugesellschaft gegründet. Es folgten fünf Jahr lang Auftritte mit politischer Musik regional und überregional im Süden Chiles.

Nachdem der Frontmann von SubTerra, Ewald Buchholtz, im Jahr 1994 nach Deutschland übersiedelte, wurde die Band aufgelöst. Sechs Jahre später wurde SubTerra wieder neu gegründet. Seit 2000 spielen sie ausgewählte politische Musik aus Süd- und Mittelamerika.

Das vorletzte Lied auf der CD, „Ni chicha, ni limona“ von Victor Jara, steht für eine Reihe von Liedern des großen Künstlers über das aktuelle politische Geschehen in Chile.

In der Musikrichtung legt sich SubTerra nicht fest, sie spielen verschiedene Rhythmen und es wird viel improvisiert. Ihr auf ihrer Homepage verkündeter Anspruch „…Musik zu machen nicht aus finanziellen Erwägungen und nicht nach Gewinn streben…“, wird bei den Auftritten SubTerras gelebt: So spielen sie am 23.4.2010 um 20.00 Uhr im Cafe Amelie in Giessen bei einer Solidaritätsveranstaltung für die Erdbebenopfer in Chile. Der an der Kasse zu entrichtende Solidarbeitrag geht an die Erbebenopfer in Chile.

Am 12.06.2010 um 20.00 Uhr spielt SubTerra außerdem in der Griechische Gemeinde in Bonn, und am 1. Mai-Fest des DGB in Marburg (Elisabeth-Blochmann-Platz, Uhrzeit: 13:30h ). ).

Die CD kann gegen eine Spende über die Webseite Die CD kann für bestellt werden bei Pablo Buchholtz

Email: www.subterra-band.de gatica.buchholtz@googlemail.com bestellt werden.
Handy: 015787258168
Festnetz: 0551 6341530

 

...In dieser Zeit – in unserer Zeit...

 

zur neuen CD von EWO2 „Avantipoplo 2“

 

Wer das künstlerische Schaffen von Schlauch (Bernd Köhler) kennt, weiß um sein vielseitiges Engagement: er (beg-)leitet den Alstom-Chor, tritt nach wie vor alleine auf - und wirkt seit einigen Jahren erfolgreich mit dem kleinen Elektronischen Weltorchester (EWO2).

 

Gleich vorweg: das zweite Album von EWO2 ist meiner Meinung nach unverzichtbar für alle Fans des politischen Liedes in unserem Land. Es ist eine wunderschöne Zusammenstellung von Traditionals des internationalen und deutschen Arbeiterliedgutes, von Brecht-Eisler-Kompositionen – sowie bekannter Songs von Schlauch aus früheren Jahren.

Wer allerdings nur eine Mitsing-Scheibe erwartet, wird enttäuscht sein. Bernd Köhler und EWO 2 bieten mehr: sie zwingen bei den meisten der Songs mit eigenen einfallsreichen Arrangements vor allem zum Zuhören... – und das lohnt sich!

 

Das erste Lied auf der CD, „La Lega“ präsentiert einen optimistischen Einstieg. Apropos, wer kennt heute „La Lega“ noch? „La Lega“ – „der Bund“ entstand Anfang des letzten Jahrhunderts als Lied der Reispflückerinnen in der Po-Ebene. Bekannt geworden ist das Lied in Deutschland in den Siebzigern vor allem durch den Bertolucci-Klassiker „1900“.

Daß Ewo2 dieses Lied wieder ins Blickfeld rückt, ist nicht nur eine Hommage an die Frauenbewegung der 70er und 80er, sondern eine stimmungsvolle notwendige Erinnerung, daß Lieder zu allen Zeiten Widerstand und Kämpfe begleitet haben, selbst wenn sie noch so aussichtslos schienen. Die Begleitung ist stilecht mit passendem italienischem Flair: Akkordeon (Laurent Leroi), Mehrstimmgesang beim Refrain und originellen Tremolo-Gitarren-Soli von Hans Reffert.

 

Danach folgt das historisch älteste (und für viele nach wie vor schönste!) Arbeiterlied „Bet und Arbeit“, zeitgemäß rhythmisch interpretiert – und ergänzt um die heute unverzichtbare Erweiterungsstrophe „Frau der Arbeit aufgewacht...“. - Das „Heckerlied“ (Melodie „freie Republik“) ist in der badischen Revolution entstanden und gehört ebenfalls zum historischen Liedgut aus den Anfangszeiten der deutschen Arbeiterbewegung.

 

Weltweit durch zahlreiche Versionen bekannt und schon lange zum Liedgut internationaler Arbeiterlieder gehörend bringt EWO2 den sozialkritischen Country-Song von Merle Travis, „Sixteen Tons“. In dem Lied werden die Zustände im amerikanischen Bergbau der Vorkriegszeit behandelt. Die Arbeiter wurden nicht mit Bargeld, sondern mit speziellen Coupons entlohnt, die nur in firmeneigenen Läden (Company Stores“) eingelöst werden konnten. So entstand ein der Leibeigenschaft ähnliches Abhängigkeitsverhältnis. Für mich eines der Lieblingslieder auf der CD und als urwüchsiger Blues eingespielt (eine Steilvorlage für die Gitarrensoli von Hans Reffert).

 

Das „Solidaritätslied“ von Brecht / Eisler ist kompositorisch eine Weiterentwicklung des Grundanliegens der Internationalen Solidarität. Angelehnt an die Eisler-Fassung erfolgt die instrumentelle Begleitung zum Schluß mit einer türkischen Saz (Adax Dörsam). An dieser Stelle wäre überhaupt zu den musikalischen Leistungen der Mitglieder von EWO2 was zu sagen: Für Keyboard, Synthesizer, Drum-Programming & Electronic steht die Profi-Musikerin Christiane Schmied. Neben Bernd Köhler (Gesang & Gitarre) ist ebenfalls unverzichtbar für die Band Rock-Urgestein Hans Reffert (Guru Guru) als Sologitarrist. Und mitgemacht haben bei der Platte wie bereits erwähnt Adax Dörsam (Saz/E-Git./Mandoline/Bass) sowie Laurent Leroi (Akkordeon).

 

Neben den Traditionals, die auf der CD in großer Bandbreite vertreten sind (außer den bereits beschriebenen wären noch zu nennen die „Resolution der Kommunarden“ von Brecht und das Schlußlied „Bella Ciao“, gibt es mit „Schon“ auch eine Hommage an den großen russischen Revolutionspoeten Majakowski (ein Text, den Majakowski 1923 während eines Aufenthalts im krisengeschüttelten Berlin schrieb). Und eine tolle Brecht-Interpretation, bei der die gesanglichen Leistungen von Schlauch zum Ausdruck kommen: „Oh Fallada, da du hangest oder, ein Pferd klagt an“ – mahnt visionär den drohenden Faschismus und die Verrohung der Menschen in Zeiten der ökonomischen Krise an.

 

Völlig stimmig zur CD passen für mich allerdings auch 3 ältere Lieder von Bernd Köhler: der bekannte „Stahlwerkersong“ (er entstand für eine große Demo 1983 in Bonn), „In dieser Zeit“ (in der Liederbestenliste bereits aktuell auf Platz 5), veröffentlicht auf der ersten LP 1972, und – passend zum zeitgeistlichen Ambiente, das uns mit Schwarz-Gelb jetzt erst recht bevorsteht: der Rückkehr zum totalen AKW-Staat – der Song „Seltsams Traum“ (es ist eine Aktualisierung des Brokdorfliedes aus dem Jahr 1986).

 

Die neue avantipopolo-CD ist erschienen bei JUMP UP in Bremen und kann dort für 12,50 Euro bestellt werden: JumpUp, Postfach 11 04 47 28207 Bremen oder e-mail: info@jumpup.de

Live zu hören ist ewo2 mit dem Programm zur neuen CD am 03.11. in Sprockhövel, 08.11. in Mannheim, 28.11. Nürnberg, 03.12. Wien und 04.12. in Graz. Weitere Infos unter: www.ewo2.de


Es wär’ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt...

Die Oma Körner Band in neuem Gewand:

Zum soeben erschienenen Album „Reine Weissheit“

Lange nichts mehr gehört von der OKB. Die letzte CD ist 2004 erschienen. Auch wenn die bekannte Politfolk-Gruppe aus Hamburg vor allem eine Live-Band ist, die bei jedem Sauwetter und fast allem, was sich politisch bewegt, mit dabei ist, weckt ein in Schmiddels Studio (in dem u.a. Rotdorn aufnimmt) produziertes Album seiner eigenen Kapelle nicht nur bei den Hamburger Fans großes Interesse, sondern weit darüber hinaus.

Auf den ersten Blick hat sich wenig geändert bei der OKB. Die Besetzung ist immer noch die gleiche (bewährte): Stefan Schmidt , Gudrun Rieffel, Jens Wilke, Horst Warncke, Ija Badekow, Malte Hansen (früher Antropos). Spätestens beim ersten Anhören wird man allerdings eine enorme Bereicherung durch weitere Musikinstrumente (im Studio) feststellen: Neu sind Lap-Steel (Heiko Linke, früher Radio Barmbek), Akkordeon und Trompete (Bernd Rüter), eine rockige E-Gitarre (Michael Schirmer) und eine Bratsche (Dirk Wilke, Rotdorn).

Von der Musik abgesehen gibt es unter den 15 Songs erfreulicherweise auch mehr „Dialektisches“ (Hamburger Platt) bei der OKB – selbstbewußt entgegen des bundesweiten Trends, die Mundart aus dem deutschsprachigen zu verdrängen und nur noch alles langweilig-gleichförmig auf hochdeutsch zu präsentieren. Die Qualität der neuen CD der Oma Körner Band zeichnet sich aber auch durch die Weiterentwicklung einer ihrer Stärken aus, die ihren Erfolg und ihre Beliebtheit seit Jahren ausmachen, nämlich: jeden Blödsinn, der in Deutschland und auf der Welt abläuft und von den Herrschenden fabriziert wird, aufzugreifen, ihn gelungen aufs Korn zu nehmen und als Lüge oder groben Unfug zu entlarven! Die Formen, wie das passiert, sind dabei unterschiedlich. Meist satirisch-humorvoll, manchmal kämpferisch oder nachdenklich-ruhig, aber immer aufklärerisch und stimmig! Für Nicht-Kenner der Oma Körner Band sei erwähnt, daß alle Liedtexte aus der Feder von Stefan Schmidt (früher Peter, Paul & Barmbek) stammen.

Das Eröffnungslied „Die Kraft“ bildet die inhaltliche Klammer zu den Themen aller anderen Songs. Es geht darin um eine spöttisch-kritische Abrechnung mit der Marktwirtschaft in fetzigem Folksound und das Lied wäre unter anderen zeitgeistlichen Rahmenbedingungen ebenso hitparadenverdächtig wie „das Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug in den frühen 80ern.

Eine Reihe der eingespielten Songs tragen wie immer das bewährte Markenzeichen der OKB: sie sind gecovert. Egal wie man zu Neuinterpretationen von traditionellen Liedern oder früheren Pop-Songs steht, es gibt für das Schreiben eines politischen Liedes nach einer bestehenden musikalischen Vorlage m.E. ein entscheidendes Kriterium: die musikalische Form ist zweitrangig, wenn der Inhalt stimmig ist und etwas dabei heraus kommt, was als geeigneter Träger für eine politische Botschaft taugt. Wobei „Covern“ genau genommen für solche Lieder ja nicht stimmt. Es ist neue Kunst, es ist ein neues politisches Lied, das dabei entsteht. „Covern“ ist nur das simple Nachspielen, das eine Tanzkapelle praktiziert.

Die Oma Körner Band ist beim Herstellen solcher Songs übrigens ebenso gnadenlos wie genial: auf der neuen CD hören wir u.a. einen neuen alten Beatles-Song: „Auf demselben Boot“ (Yellow Submarine). Es geht um die alte „Wir-sitzen-in-einem-Boot-Ideologie“, die aktuell bei der Finanzmarkkrise, aber auch bei der Klimakatastrophe neue Blütezeiten erfährt:

„...Und wir fahren voll voraus lutschen Wasser, Luft und Böden aus

Das bringt Geld und zwar zu Hauf’ und geht direktemang zur Brücke rauf...“

Vom Arrangement her ist die Aufnahme ein Hörgenuß. Sogar die für Beatleskenner unverzichtbare Bordlautsprecherdurchsage und die Bläser fehlen nicht...“ Neben dem Beatles-Hit gibt es noch einige andere gecoverte Songs: aus dem „Mann im Mond“ wird bei der OKB „die Crew vom Mars“, und „Marathon“ (ein schönes Nostalgie-Lied am Schluß in Erinnerung an bewegtere politische Zeiten) ist nach einer Melodie von David Berns entstanden:

„...Eingehakt ging´ wir durch die Hamburgs Straßen die Leute winkten fröhlich vom Balkon

Peter strahlte über alle Maßen heute läuft er Städte-Marathon...“

 

Absolut herausragend ist für mich allerdings das Lied „Deine Schuld“. Dies ist das erste und einzige Lied, das die OKB komplett von einer anderen Band übernommen hat und zwar von den „Ärzten“:

„...trau keinem der dir sagt, daß du nichts verändern kannst,

die die das behaupten, haben nur vor Veränderung Angst,

es sind dieselben, die erklären, es sei gut, so wie es ist,

und wenn du etwas ändern willst dann bist du automatisch Terrorist,

es ist nicht deine schuld, daß die Welt ist wie sie ist,

es wär nur deine schuld wenn sie so bleibt,

es ist nicht deine schuld, daß die Welt ist wie sie ist,

es wär nur deine schuld, wenn sie so bleibt...“

 

Im Lied „Zäune“ geht es um die globalen Zäune, die längst schon bestehen und an vielen Orten der Welt ständig neu errichtet...– aber (noch) nicht niedergerissen werden! Es geht um die Zäune der Reichen gegen die Abschottung der Armen. Seit Jahrzehnten sterben Millionen Menschen an Hunger und Durst oder leben unter grauenhaftesten Bedingungen in zahllosen Slums. Sie sind der menschliche Müll der Marktwirtschaft mit ihren so genannten Demokratien und Menschenrechten:

„...Ich sitze mit `ner Flasche Bier, den Atlas auf dem Schoss

und denke wieder mal bei mir: die Welt ist gar nicht groß.

Mein Finger liegt auf Kapstadt wo sich mancher gerne bräunt,

dort haben sich die Reichen ihre Viertel eingezäunt.

Das hör ich auch aus Mexiko und aus den USA,

da wo jemand Geld hat, ist der hohe Zaun schon da.

Dahinter sitzen die, die Mensch und Umwelt massakriern,

und dafür die richtig fette Kohle abkassiern.

Hätten Alle alles – dann wär’ viel im Lot

Hätten Alle alles – tät kein Zaun mehr Not

Es gibt genug von Allem für alle auf der Welt

doch das gehört ´ner handvoll – und die woll´n dafür Geld

´Ne Welt ohne Konzerne - was wär’ schon dabei?

Alles für alle macht frei!...“

 

In anderen, ruhigeren Liedern wie „Haifischzahnbar“ kommt noch eine bekannte Stärke der OKB zum Ausdruck, nämlich ihr erzählerisches Talent. Es geht um eine Kneipenbegegnung der unheimlichen Art - in die Stammkneipe brechen Yuppies ein:
“S ie lachen laut gröhlend – den Schlips auf halb acht

was ´ne urige Kneipe was ´ne saugeile Nacht

Nach etwa ´ner Stunde schieben sie raus

und fahr´n in ihr´n Audis nach Haus

Sieger und Loser sind sich ganz nah

unten am Hafen in der Haifischzahnbar

sie sitzen zusammen und wechseln kein Wort

an diesem geteilten Ort...“

(Anmerkung: dieses Lied entfaltet nur in Hamburger Mundart seine Nebenwirkungen)

 

Zum CD-Titel „Reine Weissheit“ schreibt Schmiddel für die OKB übrigens:

„...Wir bemühen uns mit Schärfe, Witz und Ironie der Idee der Solidarität zwischen reich und arm, zwischen Individuen und Völkern, neuen Glanz zu verleihen. Und es ist ganz erstaunlich zu erleben, wie vielen ganz normalen Menschen wir aus dem Herzen sprechen, wenn wir auf Stadtteilfesten oder in ganz gewöhnlichen Musikkneipen unsere Lieder singen. Nicht indem wir mit Schmutz schmeißen, sondern indem wir die „reine Weissheit“ verkünden...“

Die Oma Körner Band hat mit ihrem dritten Album im Grunde ein Konzeptalbum vorgelegt: Jawohl, diese CD liefert mit all ihren Liedern, der Musik, den Texten und Arrangements ein Konzept der linken Aufklärung und kämpferischen Gegenwehr, das optimal in die heutige Zeit und Stimmungslage paßt.

Man kann der Oma Körner Band bei der Umsetzung dieses Konzeptes nur besten Erfolg wünschen! Die CD kostet 12 Euro. Bestellungen können über die (zurzeit provisorische) Homepage vorgenommen werden: www.omakoernerband.de

 

 

Von Lampedusa und anderen Gewöhnlichkeiten

Die neue CD von Kai Degenhardt : Weiter draußen

Nach fünf Jahren gibt es endlich ein neues Album von Kai Degenhardt . Für die lange Wartezeit werdenseine Fans damit belohnt, daß es die Dimension eines Doppelalbums hat, es ist randvoll mit 70 Minuten Hörzeit und 18 neuen Songs. Kai’s Musik gehört zu dem Genre der „Singer-Songwriter“ („natürlich mache ich politische Lieder – was auch sonst“). – Weder Pendlerpauschalregierung noch Föderalismusreform werden von ihm allerdings auch nur im Ansatz textlich oder musikalisch behandelt. Es handelt sich um eine CD mit großer Bandbreite und Dichte, was die Themenauswahl angeht, und – gleich vorab – um einen musikalischen Hörgenuß der Vielfalt von Stilrichtungen und Arrangements bei den Songs. Wie Kai Degenhardt selbst dazu schreibt, ist es „...mehr als eine Ansammlung von Liedern auf einem Speichermedium... die Stücke sind auf gewisse Art miteinander verschraubt und verflochten, so daß z.B. spätere Lieder einzelne Elemente, Bilder und Motive, musikalische wie lyrische, aus vorhergehenden wieder aufnehmen oder von anderer Seite beleuchten...“

Zu den Stücken gehören Miniaturen über „kleine Leute“, die auf der Jagd nach dem Besser-Höher-Weiter ohne Chance die Bank drücken (im Park und auf dem Amt), die Wege zum Glück nur noch im Rückspiegel sehen. Wenig komfortabel ist es „ganz unten“, so wenig wie „weiter draußen“. Im gleichnamigen Titelsong ist das Außenseitertum zugleich künstlerische Haltung, die Unbestechlichkeit verbirgt: „Weiter draußen“ ist eines von einigen „Unterwegs“-Liedern. Ein fetziges Stück im R&B-Stil, in dem es um die fahrende Zunft der Musikanten geht („Selbstporträt“), mit markanten Bildern und den daraus gewachsenen philosophischen Erkenntnissen:

„...Leer am Abend meinen Kasten, steck die Silberlinge ein, und dann kommt auch schon die Frage, trifft wie immer mitten rein; was die Protestsong-Scheiße soll und was ich damit noch verdien’, ich sag’ verlegen meinen Satz auf und freu mich auf die Champions League - Sportsbar, Pay-TV, weiter draußen, irgendwo durch die Maschen gewischt. Kann nicht dafür, bin nicht dabei und würde nichts dagegen tauschen, zieh die Mütze ein Stück tiefer ins Gesicht, bin weiter draußen...“

Jährlich ertrinken viele hundert Flüchtlinge aus Afrika bei der Überfahrt mit Holzkähnen, Schlauchbooten und anderen Nußschalen im Mittelmeer. Wer es bis in die „Festung Europa“ schafft, hat aber noch lange nicht überlebt – und eine existentielle Perspektive erst recht nicht. Wen berühren noch die Zahlen der Abschiebungen, die Zustände in den Abschiebelagern, die Toten in den Abschiebeknästen? - In dem Lied „ D ie Tötung“ ist es Kai gelungen, am Beispiel des Flüchtlings Jean-Marie aus Bouaké einen mitreißenden und engagierten Beitrag zur Abschiebepraxis und dem Los der Flüchtlinge zu schreiben. Der Song endet so, wie das gewöhnliche Schicksal vieler namenloser in Deutschland zur Abschiebung Verdammter (oder in einem der Auffanglager wie Lampedusa inhaftierten Menschen) oft endet

: „...Am nächsten Morgen, Jean-Marie liegt kalt und starr auf seinem Fesselbett, „Herzversagen“, sagt der Arzt, „der schafft es nicht mehr in dem Jumbo Jet.“ Sara wartet ein paar Tage, wird dann sauer, und den Rest besorgt die Zeit. Der Richter sagt: „mangelnder Vorsatz“ und „fehlende Zurechenbarkeit“. Wiedervorlage, und auch Heiko kriegt die Akte noch mal auf den Tisch, macht ´nen Haken und sein Zeichen; in die Ablage, Verwandte gibt es nicht... Und ihr, die powered by emotion, kennt schon alle Katastrophen, seid gelangweilt oder gähnt über dieses Mörder-Lied, das nur irgendwas erzählt, doch die Herzen nicht berührt, weil es jeden Tag passiert.“

Herausragend ist auf dem Album auch ein Anti-Kriegs-Lied. Die tendenziell immer schrankenlosere Kriegseinsatz-Politik der abwirtschaftenden Bundesregierungen und die einer mordlüsternen NATO-Soldateska überlassene Eigendynamik (zum Beispiel!) in Afghanistan werden anschaulich skizziert, was bereits im Songtitel zum Ausdruck kommt: „Wir gehen rein“. „Von Baumholder nach Pristina von Kunduz bis Bagdad. Brennend heißer Wüstensand, robust ist das Mandat...“ Das Schlußlied „Möge die Macht“ (13.05 Minuten) handelt von einem an sich harmonischen Weihnachtsabend, an dem die Verwandtschaft zu Besuch kommt. Es ist ein klassisches Rollenlied: der weihnachtsabendliche Rundumschlag eines im Geist von 1968 geprägten Besserwissers und -verdieners aus dem ökolibertären Überbau mit all seiner langweiligen Beschränkt- und Verlogenheit:

„...Ja, ich gehe weiter in die Badewanne! Na und? Meine CO2-Jahresbilanz beträgt unter 10 Tonnen! Euer alter Straßenkampf dagegen – das ist Kasperle-Theater!...“

Es ist klar, daß Kai in seiner künstlerischen Arbeit nicht unerheblich durch seinen Vater Franz Josef Degenhardt geprägt ist. Dies äußert sich sowohl in seiner sprachlichen Kreativität und Lyrik, als auch zum Teil im Musikalischen und im Handwerk des Songschreibens. Kai folgt dem großen Chronisten FJD mit dem Porträt des Hans Böhm am Vorabend der Deutschen Bauernkriege, eines Freiheitskämpfers aus der Zeit des Vorabends der Deutschen Bauernkriege. „Der Dorfmusikant und Schafhirte Hans Böhm aus Niklashausen, auch Pfeiferhänslein genannt, war An- und Wortführer einer der frühen antifeudalen Erhebungen, die vor etwa 500 Jahren dem großen Bauernkrieg vorhergingen. Er verband die damals verbreiteten, religiösen Heilserwartungen von bevorstehenden großen Umwälzungen mit politisch revolutionären – ja frühen kommunistischen Vorstellungen. Der Traum von einer Sache war geboren! Aber Pfeiferhänslein ging noch weiter: Er versuchte, die Forderungen der Bauern in die Tat umzusetzen, und organisierte den bewaffneten Aufstand...“ Die Geschichte vom Pfeiferhänslein, der auch mit seinen Liedern und seiner Musik den Bauernaufstand im Fränkischen vorbereitet, steht im Grunde symbolisch für die Waffe der Kunst in der Revolution mit all ihrer Bedeutung... - und mit ihrer Begrenztheit, denn: „Lieder sind Brüder der Revolution, Lieder sind ihre Begleiter, doch stießen nicht Lieder die Zaren vom Thron, schuld an ihrem Ende – warn Hände, sind Hände.“ (Jahrgang 49/DDR)

Kai Degenhardt ist Perfektionist. Wer ihn bei Auftritten erlebt, wird dies immer wieder feststellen. Zum Beispiel wenn er seine Loop-Technik anwendet, sie vorher dem Publikum erklärt, verschiedene Instrumente nach und nach einspielt und dadurch eine stimmige instrumentale Begleitung für verschiedene Songs schafft (er könnte es sich ja viel einfacher machen und vorgesampeltes Zeug über einen CD-Player im Play-Back-Verfahren abnudeln). Das neue Album von ihm ist jedenfalls ein Beispiel seines weiterentwickelten musikalischen Könnens und seiner Gitarrenvirtuosität. Es gibt eine Vielzahl von Instrumenten, die eingespielt wurden. Mit dabei war auch Goetz Steeger (Baß, Keyboards, Percussion, Gitarre, Cittern).

 

Dreizehnbogen - die neue CD von Franz Josef Degenhardt


Nein, es ist kein Jubiläumsalbum für die 68er Bewegung. Und es ist auch weder zu erwarten noch zu wünschen, dass in dem medialen Geschichtsklitternden Sumpf, der zur Zeit über 1968 verbreitet wird, FJD eine Rolle spielt. Degenhardt hat allerdings nicht nur das politische Lied und das Liedermacher-Genre in diesem Land begründet und gilt bis heute als der bedeutendste, einflussreichste Sänger der so genannten 68er Bewegung – er beweist mit seiner neuesten CD-Veröffentlichung auf ein Neues, wie poetisch, lyrisch gekonnt, hochaktuell - und unverzichtbar er für uns ist. mehr

Dada Hoelz

Der Ritter Don Quijote war so verrückt, daß er gegen Windmühlen kämpfte, weil er dachte, daß sie die bösen Riesen wären, die an allem Unglück und an der Armut der Menschen schuld seinen. Als ihm die vernünftigen Leute seines Dorfes zu oft gesagt hatten, daß die Windmühlen nur Windmühlen sind und die Welt doch ganz in Ordnung ist, glaubte er ihnen das, legte er sich in sein Bett und starb aus Kummer, weil er dann nichts mehr für die Welt tun konnte.
Ähnlich geht es heute mir. Ich habe Charlys Ideen und viele Leute sagen, diese Ideen sind Quatsch und die Welt ist prima eingerichtet. Aber ich glaube ihnen nicht und habe für Florian und Linda dieses Buch geschrieben.
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Gschafft! Das erste Album der Ruam

Sie sind immer noch ein Geheimtipp, obwohl sie längst zum Programm-Standard der UZ-Pressefeste gehören (meistens beim Stand der Südbayern) - und bei den ersten beiden Kulturforen der DKP in Nürnberg waren sie die Ab-Rocker: die Ruam (hochdeutsch: Rübe) aus Regensburg.mehr

 

Lauter Kritik - Bandcontest - Gib deinem Protest eine Stimme...

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Lied und soziale Bewegungen

Lied und soziale Bewegungen e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich dem politischen Lied verschrieben hat. In seinem Archiv sammelt er Lieder und Dokumente der neuen Liedkultur seit den 60er Jahren, insbesondere der Liedermacher- und Singebewegung der DDR und des internationalen Festivals des politischen Liedes in Berlin (1970-1990), um eine differenzierte öffentliche Auseinandersetzung damit zu ermöglichen. Der Verein Lied und soziale Bewegungen veranstaltet seit dem Jahr 2000 das Festival Musik und Politik, Konzerte, Diskussionen und Ausstellungen, gibt Broschüren heraus und unterstützt journalistische, wissenschaftliche und künstlerische Projektemehr


"Revolutionslyrik" von Roland Wanitschka, Verlag am Park 2006


Rezension
Ein Unverbesserlicher ist er, der Autor dieser "Revolutionslyrik": Roland Wanitschka, Jahrgang 1959, Gewerkschafter, überzeugter Kommunist und nach eigenen Worten "mit dem Gerechtigkeitsvirus infiziert" seit er 15 ist. Sein breites gesellschaftliches Engage-ment in DDR und BRD - von Flüchtlingsarbeit über Antirassismus und Antifaschismus bis zu Menschenrechtsfragen - ist in poetische, kraftvolle Sprache geflossen. "Ein Leitfa-den für den Kopf und das menschliche Handeln" ist daraus geworden, der in der "Finster-nis des Heute" Hoffnung für das Morgen geben will.
Selbst durch die Wende mit Brüchen in der eigenen Biographie konfrontiert, zieht sich durch die "unvollendeten Fragmente zur DDR" und die Fragen nach der Macht eine un-verbrüchliche Überzeugung: dass es kein oben und unten mehr geben soll, sondern menschliche Begegnung auf gleicher Augenhöhe.
Wer Roland Wanitschka kennt, weiß, dass er dies auch so zu leben versucht: Als Perso-nalrat, als Aktivist, als Freund und Vater einer Tochter.

Wanitschka, Roland (2006): Revolutionslyrik - Gedichte von der Finsternis des Heute, der Ahnung des Gestern und dem Aufbruch des Lichts im Morgen. Verlag am Park in der edition ost (www.edition-ost.de). ISBN-10 3-89793-125-7. 9,90 Euro

Lesungen auf Anfrage möglich: Roland Wanitschka, PF 1144, 99801 Eisenach, Tel. 03691-212548

 

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